10 Kilometer Schwimmen? 10 Kilometer! Ganz ehrlich, selbst in den Jahren, in denen ich intensiv Langdistanz-Triathlon betrieben habe, wäre diese Distanz für mich nicht wirklich vorstellbar gewesen. Sind ja die 3,8 km der Ironman-Distanz schon heftig genug. Aber fast das Dreifache? Warum auch? Dass ich eines Tages am Hallstätter-See stehen und mich ärgern sollte, dass ich die 10 Kilometer NICHT schwimmen darf, war also äußerst unwahrscheinlich. Aber genau das ist passiert am 3. August.

Harte Vorarbeit

Im Rahmen meines selbst auferlegten Projekts Marathonmalzehn, also 10 Marathons in 10 Monaten in 10 verschiedenen Sportarten, wollte ich auch einen Schwimm-Marathon machen. Zunächst war ich mir sicher, dass die 3,8 Kilometer des Langdistanz-Triathlons gelten würden. Aber schnell haben mir die Freiwasser-Experten klargemacht, dass es mindestens 5, eher 10 oder am besten 25 sein sollten. So richtig definiert ist dieser Begriff Schwimm-Marathon offenbar nicht. Als mir schließlich die Freiwasser-Legende Christof Wandratsch versicherte, mit 10 Kilometern sei ich auf der sicheren Seite, habe ich mich kurz geschüttelt und in Hallstatt angemeldet.

Christof hat mir auch ein paar Trainingstipps mit auf den Weg gegeben. Im Winter und Frühjahr sollte ich Wechseltrainings machen. Zum Beispiel: halbe Stunde schwimmen, eine Stunde Indoor Cycling oder Laufband oder Rudergerät, nochmals eine halbe Stunde schwimmen. Habe ich brav gemacht, weil mir das für meine zehn Marathons eh zugute kam. Dazu schwimmspezifisches Krafttraining. Und natürlich normales Techniktraining. Je näher der August rückte, umso länger wurden dann die Einheiten. Pro Monat habe ich um 1000 Meter gesteigert, so dass ich im Juli zwei Mal über sieben Kilometer geschwommen bin, ein Mal im Freiwasser. Dank meines Racer 2.0-Neoprenanzugs von Aqua Sphere habe ich selbst bei den XXL-Einheiten keine Scheuerstellen bekommen, da die Nacken- und auch Schulterpartien extrem weich sind. Eine tolle Entwicklung, danke dafür!

Dazu kamen eben die Trainings für neun weitere Marathons, was doch zu viel Kopfschütteln in meinem sozialen Umfeld führte. Na ja, allzu viel Zeit war in diesen zehn Monaten sowieso nicht für meine Freunde. Neben dem Job ging praktisch jede freie Minute für‘s Training darauf. Aber ich wollte es ja nicht anders. Die Idee zu Marathonmalzehn ist über einige Jahre gereift, in denen ich immer wieder mal neue Sportarten ausprobiert habe. Und – typisch Triathlet – natürlich musste es dann gleich ein Marathon sein. Irgendwann habe ich gezählt und überlegt, dass ich evtl. zehn Disziplinen schaffen könnte. Da mein Arbeitgeber, der Bayerische Rundfunk, sofort auf die Idee aufgesprungen ist, habe ich es als Serie für unser „Fitnessmagazin“ angelegt. Und, ich hatte die Gelegenheit über jeden Marathon ausführlich zu berichten.

10 Marathons in 10 Monaten

Los ging`s mit dem klassischen Lauf-Marathon in München. Es folgten der Dolomiten-Langlauf-Marathon über 42 km in der Skating-Technik, ein Eisschnelllauf-Wettkampf über 100 km auf dem Weißensee in Kärnten, der Ganghofer-Langlauf über 50 km in der klassischen Technik. Dann ging`s weiter mit 42 km Nordic Walking/Running beim Rottaler Marathon, mit 45 km beim Achensee Mountainbike-Festival und 42 km im Kajak beim Bodensee-Kanumarathon. Als nächstes standen 42 km Trailrun beim Mozartlauf an. Beim 24 Stunden-Radrennen in Kelheim musste ich laut BDR-Definition mindestens 200 km am Stück radeln, es wurden 211 und zusätzliche 98 km innerhalb der 24 Stunden. Der krönende Abschluss sollte eben der Hallstättersee Schwimm-Marathon werden. Doch eine Stunde vor dem Startschuss mussten die Veranstalter die Strecke von 10 auf 4,2 Kilometer verkürzen, weil heftige Gewitter im Anmarsch waren. Viele Schwimmer haben erst geflucht, aber bald den Organisatoren gedankt, da tatsächlich Blitz und Donner über den See hereinbrachen.

Also muss ich jetzt auf Plan B umschwenken und meine Nummer 10 woanders machen. Da ich mit so was oder auch mit Verletzungen rechnen musste, hatte ich mich eh auf 11 Sportarten vorbereitet und bei 11 Marathons angemeldet. Das Finale soll jetzt beim Fränkische Schweiz-Marathon stattfinden, 42 km mit Inline Skates. Das kann ich zwar nicht wirklich gut, aber das galt für‘s Kajaking oder Eisschnelllaufen ebenso.

Rückblickend waren es für mich sportlich die intensivsten Monate bisher. Die Trainingswochenstunden bewegten sich zwischen 10 und 25. Also vergleichbar mit Ironman-Training. Nur eben noch vielfältiger. Von der körperlichen Belastung eigentlich sehr sinnvoll: nach drei Stunden im Paddelboot ist es gut, die nächsten Tage eher die Beine zu belasten. Und nach einem sechsstündigen Trailrun ist in der Woche danach eben nur Oberkörpertraining angesagt. Ich habe es enorm genossen, an wunderbaren Orten zu trainieren und Wettkämpfe zu machen. In Bayern, Baden-Württemberg und Österreich. Berge und Seen, Wälder und Wiesen. Kälte und Hitze. Eis, Schnee, Dauerregen. Minus 18 Grad war der kälteste Wettkampftag (Eislaufen), 35 Grad der wärmste (Trailrun). Mit 50 Jahren nochmals Anfängerkurse zu belegen, kostet zugegebenermaßen Überwindung. Auch als Letzter die Ziellinie zu überqueren, weil alle anderen Teilnehmer langjährige Wettkampf-Kanuten sind, ebenfalls. Aber das ist glaube ich ganz gut für den Charakter in unserer „Nur-der-Sieg-zählt-Welt“.

Bereicherung pur!

Was hat mir dieses Marathonmalzehn noch gebracht? Zum einen die Einsicht, dass man Alles schaffen kann, wenn man es wirklich will und sich gut vorbereitet. Ich war in meinem Leben vielleicht zehn Mal auf Schlittschuhen unterwegs und habe trotzdem 100 km geschafft. Yes, we can! Zum anderen viele neue Freundschaften mit Sportlern anderer Disziplinen. Schön zu sehen, dass die meisten von uns das Gleiche wollen: Auspowern in der Natur, Ausblenden von Alltagsproblemen, Ausloten von Grenzen! Und als vielleicht wichtigste Erkenntnis: Demut und Dankbarkeit, so umfangreich Sport machen zu können! Denn überall habe ich Menschen getroffen, die von heftig Verletzten, schwer Kranken oder gar tödlich Verunglückten in ihrem sportlichen Freundeskreis erzählten. In diesem Sinne: genießen wir jede Minute und jeden Meter!

Mehr dazu auf meinem Blog unter: www.marathonmalzehn.com

Bernd-Uwe Gutknecht